Um die militärischen Operationen rasch durchzuführen und die römischen Legionen schnell bewegen zu können, brauchte man gut ausgebaute Straßen auf festem Untergrund, der die unzähligen genagelten Soldatenstiefel, die Zugtiere und die schweren eisenbeschlagenen Wägen tragen konnte. Fest ausgebaute Straßen und hoch entwickelte Fahrzeuge revolutionierten den Verkehr. Ihre Überreste sind allerorten erhalten und finden sich nicht selten im heutigen Straßenbild wieder.
Die Söhne des Augustus mussten kämpfen
Drusus (d. Ältere, 38-9 v. Chr.) und sein Bruder Tiberius (der spätere Kaiser von 14-37 n. Chr.) waren Adoptivsöhne des ersten Kaisers Augustus (23 v. Chr.-14 n. Chr.). Sie beide sollten den zentralen Alpenraum erobern. Dank der überle-genen Machtposition konnte Rom dieses Vorhaben rasch und unan-gefochten durchsetzen. In einem Sommer-Feldzug des Jahres 15 v. Chr. drang eine Armee nach Norden vor und durchkämmte die Alpentäler: ausgehend von den Triden-tiner Bergen unterwarf Drusus die raetischen Stämme im Etschtal und zog mit seiner Hauptstreitmacht über den Reschenpass ins Inntal und weiter ins nördliche Alpenvorland.b Der westliche Heereskeil unter Tiberius stieß durch die Burgundische Pforte und den Hochrhein in den Bodenseeraum vor und erkundete die Donauquellen. Beide Heere vereinigten sich zur Siegesfeier (victoria Augusta) am 1. August, dem Jahrestag der Eroberung Alexandrias, im Feldlager auf der Augsburger Hochterrasse.
Die Historie der Via Claudia Augusta
Römischer Helm
von Dr. Wolfgang Czysz, Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege, Thierhaupten
Auf der Suche nach Land und Beute kamen die kriegslustigen Kelten in den drei Jahrhunderten vor Christi Geburt den Toren Roms bedrohlich nahe. Auf dem Balkan stießen sie bis nach Delphi, ja sogar bis an den Bosporus vor. Wo sie auftauchten, verbreiteten sie Angst und Schrecken. Trotz verbitterter Gegenwehr hatte der geniale Feldherr Caesar in der Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. mit seinen Legionen Gallien erobert. Damit geriet Mitteleuropa innerhalb weniger Jahrzehnte in den Sog einer mediterranen Hochkultur: Die Römer brachten Sprache und Schrift, Staatsorganisation, Religion und Recht, Kalender, Münzwesen und viele andere zivilisatorische Errungenschaften mit über die Alpen.
Auch wenn sich die Römer wieder über die Alpen auf die italische Halbinsel zurückzogen, so hinterließen sie doch ein intaktes Straßennetz. Obwohl die nachfolgenden Völker sich nicht mehr um den Erhalt der via Claudia sorgten, war sie noch lange ein Verkehrsweg: "Wenn Dir der Baiuware am Lech nicht den Weg versperrt" schrieb Venantius Fortunatus (um 530-601), dann gelange man auf der via Claudia auch im frühen Mittelalter noch unbehelligt in den Süden. So wanderte der Heilige Magnus im 8. Jahrhundert nach Foetibus-Füssen - nur die Holzbrücke über das tiefe Tal bei Roßhaupten dürfte damals zerstört gewesen sein. Noch über Jahrhunderte hindurch bis in die frühe Neuzeit zogen Kaiser und Könige, Heere von Pilgern, Poeten und Malern auf der via Claudia nach Rom.
Die Staatsstraße als Einfallsschneise der Barbaren
Ihren Höhepunkt erreichten die Unruhen in der Mitte des 3. Jahrhunderts. Der Fund eines römischen Siegesaltars in Augsburg (ausgestellt im Römischen Museum Augsburg) überliefert uns mehr als nur eine Episode aus dem Jahr 260: Ein starker Kampfverband vom Stamm der germanischen Iouthungen bzw. Semnonen hatte vermutlich im Jahr zuvor den Limes durchbrochen und in Oberitalien reiche Beute gemacht. Auf dem Rückweg wurden die rückflutenden Plünderer samt ihrer Beute durch die vereinten Kräfte des raetischen Statthalters M. Simplicinius Genialis im Lechtal gestellt und in zweitägiger Schlacht am 24./25. April 260 vor den Toren der Provinzhauptstadt aufgerieben und besiegt. Dabei konnten viele Tausend Gefangene Italiker (multis milibus Italorum captivor[um]) befreit werden. Im 4. Jahrhundert wurden zwei Abteilungen der III. Italischen Legion aus Regensburg nach Veldidena-Wilten und Foetibus-Füssen verlegt, um den Nachschub über die Berge sicherzustellen. Doch die Route der alten via Claudia im Lechtal blieb die Einfallschneise, auf der germanische Heere immer wieder in die Provinz vorstießen und die reichen Städte Oberitaliens bedrohten.
Sinkende Bedeutung der Via Claudia
Mit der Vergrößerung des Imperiums und der verkehrsgeografischen Umstrukturierung des Grenzlands nach der Ermordung Neros veränderte sich auch die Situation der Fernverkehrswege nach Gallien und Germanien. Nachdem die Brennerroute über Innsbruck/Wilten (Veldidena) geöffnet war, sank die Bedeutung der via Claudia immer weiter. Zudem brachten Völkerbewegungen in Nordeuropa und in Eurasien das Römerreich ins Wanken und gefährdeten auch seine Straßennetze. Seit der Regierungszeit des Philosophenkaisers Marc Aurel (161-180 n. Chr.) durchbrachen immer wieder germanische Krieger den Limes und brachten Krieg und Elend in die nördlichen Grenzregionen des Imperiums.
Die Brennerroute als Konkurrenz
Die um einiges kürzere Strecke von Bozen durch das Eisacktal über den Brenner war noch für längere Zeit durch die Kunterschlucht oberhalb Bozens versperrt bzw. nur für ein geringeres Verkehrsaufkommen über den Ritten geeignet. Der Brenner ist mit 1374m Meereshöhe der niedrigste Pass über den Alpenhauptkamm. Seitdem der Übergang im 2. Jahrhundert n. Chr. passierbar gemacht worden war, übernahm er einen wesentlichen Teil des transalpinen Verkehrsstromes. Besonders der Anschluss an die Ostalpenstraßen über Aguntum östlich Lienz nach dem Drautal hat die verkehrsgeografische Bedeutung dieser Route erheblich gesteigert.
Verkehrsader und Handelsstraße
Später übernahm die Straße eine wichtige Funktion als Handels- und Reiseroute. Sie entwickelte sich noch im 1. Jahrhundert zu einer der bedeutenden Verkehrsadern im Alpenvorland. Kleine Handelsstationen und Umschlagplätze entstanden an der Straße, bedeutende Kontore und Händlerdepots in den Städten. Wir kennen sie aus Abodiacum-Epfach oder Augusta Vindelicum-Augsburg, aber auch vom Lagerdorf des Grenzkastells Submuntorium-Burghöfe bei Mertingen, wo die Güter auf die Donau umgeschlagen werden konnten. Dank seiner Standortvorteile erhielt die Augsburger Militärsiedlung im Jahr 122 durch Kaiser Hadrian den Rang einer Stadt (municipium Aelium Augusta Vindelicum) mit der Residenz des Provinzstatthalters. Durch ihre günstige Lage an der via Claudia wurde der einstige Truppenplatz zum größten urbanen Zentrum in der Provinz. Auf seine Bedeutung als Drehscheibe des transalpinen Fernhandels weisen viele Inschriften und Grabmäler mächtiger Kaufherrenfamilien hin, die mit Wein aus dem Moselland oder Luxustextilien und wertvollen Stoffen ihr Geld machten. Aber auch mancher anderer Handwerkszweig, wie die in Aquileia beheimatete Glashütte des Salvius Gratus, fand hier einen guten Standort.
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Meilenstein von Rabland
Die Straße über die Alpen fertig stellte allerdings erst Kaiser Claudius (41-54 n. Chr.), Drusus zweiter Sohn. Er ließ diese Strecke, die sein Vater im Alpenfeldzug begangen hatte, ausbauen und erhob sie ihm zu Ehren in den Rang einer Staatsstraße, eine Ehre, die keiner anderen Straße in den Nordprovinzen mehr zuteil wurde. Die via Claudia Augusta wurde am Ende des Jahres 46 eingeweiht. Dies konnte der Reisende auf zahlreichen Meilensäulen entlang der Straße nachlesen. Zwei davon sind erhalten geblieben: Der Erste wurde 1552 in Rabland westlich von Meran gefunden, der Zweite stammt aus Cesio Maggiore bei Feltre, dem antiken Landstädtchen Feltria am Rand des Piave-Tals südlich von Belluno. Er wurde 1786 in der Kirche St. Maria entdeckt. Das Formular der Inschriften beschreibt gleich lautend, dass Kaiser Claudius "die via Claudia Augusta gebaut hat, die sein Vater Drusus anlegte, nachdem er die Alpen im Krieg geöffnet hatte" Ti[berius] Claudius Caesar Augustus Germ[anicus] ... viam Claudiam Augustam, quam Drusus pater alpibus bello patefactis derexserat, munit a flumine Pado at flumen Danuvium per [milia] p[assuum] CC[CL]. Welch hervorragende technische Leistung hinter der gewaltigen Straßenbaumaßnahme "Via Claudia" steckt, verdeutlicht allein ihre Länge: Sie beträgt nach römischer Zählung 350 Meilen (milia passuum = 1000 Doppelschritte = 1478 m), was einer Strecke von etwa 517 km entspricht.
Die Unterwerfung der Vindelicer
Das vom römischen Senat gestiftete Siegesdenkmal in La Turbie bei Monaco erinnert an den Sieg über die Alpenvölker: Es zählt 45 niedergeworfene Völker auf, darunter vier Stämme der Vindeliker, von denen die Wissenschaftler heute nur die Licates am Lech (Licca) identifizieren können; ihre Hochburg (akropolis) war Damasia, der Auerberg bei Bernbeuren. Stammespraefekten und Prokuratoren, die als militärische Oberbefehlshaber zunächst das Land an Kaisers statt verwalteten, residierten im Stammesgebiet der Estionen, in Cambodunum (Kempten). Spätestens unter dem dritten Kaiser Gaius (Caligula, 37-41 n. Chr.) wurde das Land als neue Provinz Raetia (et) Vindelicia formell dem Imperium Romanum angeschlossen.
Grausame Raeter bedrohten Rom
Die Raeter-Stämme im Norden waren gefürchtet und galten den Römern als besonders streitbar und grausam. Die wohlhabenden Städte Ober- und Mittelitaliens fühlten sich von ihnen bedroht und mussten vor den Barbaren geschützt werden. Im Jahr 43 v. Chr. ließ sich L. Munatius Plancus mit den Raetern erstmals im Etschtal ein; 20 Jahre später besetzte der Feldherr M. Apuleius die Stadt Tridentum/Trient und schuf damit die Ausgangsbasis für den Vorstoß durch die Alpen.