Was bestimmt unser Handeln? Was verstehen wir unter Verantwortung, Gerechtigkeit, Mitgefühl oder Gemeinwohl – und woher kommen die Vorstellungen davon, wie wir miteinander leben sollten?
Die dritte Ausgabe der Wanderausstellung INCONTRI D’ARTE versammelt Künstlerinnen und Künstler aus den Regionen entlang der Via Claudia Augusta zu einer vielstimmigen Auseinandersetzung mit ETHOS. Ausgangspunkt ist die historische Kulturstraße selbst: Über sie begegneten sich über Jahrtausende Menschen und Kulturen, wurden Waren und Wissen ausgetauscht und verbreiteten sich religiöse und gesellschaftliche Vorstellungen. Mit dem Christentum gelangten entlang dieser Wege auch neue, zunehmend allgemein formulierte ethische Leitbilder in die Regionen Europas.
Die Ausstellung nimmt diese Entwicklung jedoch nicht als abgeschlossene historische Erzählung, sondern als Ausgangspunkt für Fragen. Denn Vorstellungen von richtigem Handeln existierten lange vor dem Christentum. Antike Gottheiten und überlieferte Figuren stehen in den ausgestellten Arbeiten etwa für Gerechtigkeit und Ordnung, Verlässlichkeit und Maß, Ehrlichkeit und Vertrauen, verantwortungsvollen Umgang mit Macht oder den Einsatz persönlicher Stärke für das Gemeinwohl. Christliche Motive wiederum thematisieren Fürsorge, Gemeinschaft, Schutz und Verantwortung. So begegnen sich in der Ausstellung unterschiedliche kulturelle Traditionen, ohne dass sich Ethos eindeutig einer einzigen Epoche oder Religion zuordnen ließe.
Andere Künstlerinnen und Künstler lösen die Frage ganz von historischen Symbolen und richten den Blick auf den Menschen der Gegenwart. Sie beschäftigen sich mit Menschen am Rand der Gesellschaft, mit dem Verhältnis von Ich und Du, mit der Verantwortung gegenüber dem anderen, mit Gemeinschaft und Glauben, mit Recht und Gerechtigkeit oder mit der Weitergabe gemeinsamer Werte an kommende Generationen. Dabei erscheint Ethos nicht als fertiger Katalog moralischer Regeln, sondern als etwas, das sich immer wieder neu im konkreten Handeln bewähren muss.
Entsprechend unterschiedlich sind auch die künstlerischen Zugänge. Figürliche und abstrakte Malerei, Zeichnung, Collage und andere Ausdrucksformen stehen nebeneinander. Manche Arbeiten argumentieren unmittelbar und gesellschaftskritisch, andere arbeiten mit Symbolen, historischen Bezügen oder persönlichen Erfahrungen. Einige formulieren Überzeugungen, andere stellen Fragen oder lassen bewusst Widersprüche offen.
Die Via Claudia Augusta bildet dabei mehr als nur den geografischen Rahmen. Einst verband sie unterschiedliche Lebenswelten von der Adria und der Poebene über die Alpen bis zur Donau. In INCONTRI D’ARTE wird sie erneut zu einem Weg des Austauschs: Künstlerinnen und Künstler verschiedener Regionen und mit unterschiedlichen Erfahrungen treten über ein gemeinsames Thema miteinander in Beziehung:
Annette Steinacker-Holst (Wemding, Donau-Ries, RAETIA SECUNDA, Bayern, Deutschland), Georg Kleber (Rehling bei Augsburg, RAETIA SECUNDA, Bayern, Deutschland), Monika Neubauer (Landsberg am Lech, RAETIA SECUNDA, Bayern, Deutschland), Peter Jente (Füssen, RAETIA SECUNDA, Bayern, Deutschland), Lore Havemann (Reutte, RAETIA, Tirol, Österreich), René Egger (Ehrwald, Zwischentoren, RAETIA, Tirol, Österreich), Mag.art Hannah Philomena Scheiber (Bezirk Imst, RAETIA, Tirol, Österreich), Heidi Reinalter (Landeck, RAETIA, Tirol, Österreich), Armin Klien (Ladis, Oberes Gericht, RAETIA, Tirol, Österreich), Raimund Prinoth (Bozen, DECIMA REGIO, Südtirol, Italia), Chiro Saetti (Bozen, DECIMA REGIO, Südtirol, Italia), Sigrid Trojer (Lana, DECIMA REGIO, Südtirol, Italia), Werner Bortolotti (Bozen, DECIMA REGIO, Südtirol, Italia), Renato Ceolan (Salurn, DECIMA REGIO, Südtirol, Italia), Egidio Petri (Segonzano, DECIMA REGIO, Trentino, Italia), Cristina Pilati (Zambana, Piana Rotaliana, DECIMA REGIO, Trentino, Italia), Marco Artman (Cembra, DECIMA REGIO, Trentino, Italia), Giuliana Pojer (Faver / Altavalle, Val di Cembra, DECIMA REGIO, Trentino, Italia), Rosa Giovannini (Mezzocorona, DECIMA REGIO, Trentino, Italia), Karmen Tomsic (Trentino-Südtirol, DECIMA REGIO, Italia + Schweiz), Simona Maestri (Trento, DECIMA REGIO,Trentino, Italia), Gigi Giovanazzi (Rovereto, DECIMA REGIO, Trentino, Italia), Laura Ballis (Feltre, DECIMA REGIO, Veneto, Italia), Laura Facchinelli (Altino / Venezia, DECIMA REGIO, Veneto, Italia), Martina Pedri (Salurn, DECIMA REGIO, Südtirol, Italia), Luciano Padovani (Verona, DECIMA REGIO, Veneto, Italia), L. de Z. (Rovereto, DECIMA REGIO, Trentino, Italia), Polo Gentile (Roveré della Luna, DECIMA REGIO, Trentino, Italia).
So entsteht keine Ausstellung, die eine Antwort darauf geben will, was Ethos ist. Vielmehr stellt sie unterschiedliche Vorstellungen nebeneinander und lädt dazu ein, sie miteinander und mit den eigenen Maßstäben zu vergleichen. Zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Paganismus und Christentum, Individuum und Gemeinschaft bleibt schließlich die Frage, die über der gesamten Ausstellung steht:
Was bedeutet es heute, ethisch zu handeln?